Kunst.
tisoware.EDITION Nr. 18

Yvonne Kendall, Timelines Nr. 1, 2015


Eine Britin, die nach Australien ausgewandert ist und seit 15 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet: das ist die Künstlerin unserer diesjährigen Edition. Die 1965 geborene Yvonne Kendall hat am Victoria College in Melbourne Kunst studiert, arbeitet seit 1987 als freie Bildhauerin und ist mit ihren Werken seither auf zahlreichen Einzelausstellungen sowie Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland vertreten. Kendalls künstlerischer Ansatzpunkt ist es, Materialien, die in der Kunst üblicherweise eher selten verwendet werden, in einen neuen, unkonventionellen Kontext zu setzen: Stoff, überhaupt Textilien, Bücher, Papier oder auch zufällig gefundene und für kunstwürdig erachtete Objekte werden von ihr geschnitten, geklebt, durchbohrt, auseinandergenommen und neu kombiniert. Es entstehen Werke, die häufig Bekanntes aus unserer alltäglichen Dingwelt zeigen und doch unser Sehen in einen Grenzbereich von Wissenschaft, Gesellschaft, Kultur und Kunst transformiert. Assoziationsketten bilden sich, Seh-Überraschungen tauchen auf, wenn ein Alltagsgegenstand unter einer zweiten oder dritten Schicht verborgen wieder- oder neu vom Betrachter erkannt wird. Die Objektkünstlerin beschäftigt sich in der Regel über einen längeren Zeitraum mit einem Werkzyklus, wie auch bei unserer Edition, einer Collage aus verschiedenen Materialien, die am Beginn eines Arbeitsprozesses mit dem großen Thema Zeit und Raum steht. Ein geografisch bestimmbarer Teil einer Landschaft steht als herausgerissene Seite einer alten Landkarte im Mittelpunkt des Werks, kombiniert mit verschiedenen Gebrauchsgegenständen – ein Zeichen von Kendalls Beschäftigung mit unserer Firmenhistorie und der Tatsache, dass Reutlingen Ort der Firmenzentrale ist. Unsere ‚Hausfarbe‘ Rot als energiegeladene Farbe, abgespult von einer Fadenrolle, prägt dominant die Arbeit. Gleichzeitig eine feine Reminiszenz an den roten Faden, der uns ja in unserem Briefpapier im Herbst 2015 abhandengekommen ist. Kendall schafft mit ihrer subtilen Vorgehensweise so Berührungspunkte zwischen Orten, in den Menschen leben und Sachen, die von Menschenhand gemacht sind; denn es sind die Beziehungen mit und zu Menschen, die das Leben lebenswert machen. Wie beruhigend daher zu sehen, dass der rote Faden an eine Spirale andockt, ein in der Kunst gern verwendetes Symbol für die Unendlichkeit.

Barbara Krämer, M.A.